veröffentlicht am 01. Juni 2022
Alexandra Kohle, Projektleiterin Digitale Professionalisierung, AEEB

Die vier Lerntypen: ein Mythos?

Die vier Lerntypen nach Vester sind ein weit verbreitetes Konzept, das jedoch der wissenschaftlichen Betrachtung nicht standhalten kann.

Die meisten Lehrenden und auch viele Lernende sind im Laufe ihres Lebens schon einmal auf die Lerntypen nach Vester1 gestoßen. Seine Theorie besagt, dass wir am besten lernen, wenn wir entsprechend unseres Lerntypen lernen:

  1. Der Auditive Lerntyp lernt am besten „durch Hören und Sprechen“
  2. Der Visuelle Lerntyp lernt am besten „durch das Auge, durch Beobachtung“
  3. Der Haptische Lerntyp lernt am besten „durch Anfassen und Fühlen“
  4. Der Kognitive Lerntyp lernt am besten „durch den ‚Intellekt'“

Auf den ersten Blick ist es durchaus verständlich, warum die Aufstellung so populär ist. Trotzdem wird diese Einteilung in Lerntypen heute vielfach und stark kritisiert. Nach dieser Theorie erfolgt bei den ersten drei Lerntypen das Lernen und Verstehen von komplexen Zusammenhängen allein über die Sinneskanäle, während nur der vierte Lerntyp eine eigene kognitive Leistung erbringt.

„Durch diese Art der Einteilung negiert Vester die intellektuelle Leistung bei den Typen 1 bis 3 und behält sie stattdessen ausschließlich dem Lerntyp 4 vor. Vester setzt andererseits die Wahrnehmung eines Phänomens ineins mit der Abstraktionsleistung zur Erklärung dieses Phänomens, d.h. wahrnehmen = lernen bzw. verstehen.“

Looß, Maike: Lerntypen? Ein pädagogisches Konstrukt auf dem Prüfstand. Erschienen in: Die Deutsche Schule, 93 (2001) 2, S. 2.

Das würde bedeuten, dass ein Haptischer Lerntyp in der Grundschule lernen kann zu schreiben, indem er/sie mit Bauklötzen in Form von Buchstaben spielt oder, dass ein Visueller Lerntyp eine physikalische Formel dadurch versteht, dass er/sie sich ein Experiment dazu ansieht. Aber wie soll das möglich sein, ohne dass der/die Lernende eine kognitive Leistung erbringt – sprich: ohne dass er/sie denkt?

Ein weiteres Argument der Kritiker*innen der Lerntypen-Theorie ist, dass es keinen Beleg dafür gibt, dass der verständnisorientierte Wissenserwerb durch eine Berücksichtigung der Lerntypen gefördert wird. So haben beispielsweise Pashler, McDaniel, Rohrer und Bjork 2008 für die Zeitschrift „Psychological Science in the Public Interest“ zahlreiche Studien zum Thema Lerntypen untersucht. Dabei kamen sie jedoch zu dem Ergebnis, dass diejenigen Studien, die wissenschaftlich einwandfrei durchgeführt wurden, nicht belegen konnten, dass die Berücksichtigung von Lerntypen einen positiven Effekt hat.2

„The contrast between the enormous popularity of the learning-styles approach within education and the lack of credible evidence for this utility is, in our opinion, striking and disturbing.”

Pashler, H., McDaniel, M., Rohrer, D. & Bjork, R.: Learning Styles: Concepts and Evidence. In: Psychological Science in the Public Interest, 9 (2008) 3, S. 117.

Aber was hilft denn nun beim verständnisorientierten Wissenserwerb? Dazu gibt es bisher leider keinen Königsweg. Als vorläufiges Ergebnis der bisherigen Forschung könnte man festhalten, dass zwei der wichtigsten Punkte für „tiefgehende Verarbeitungsprozesse“ das Vorwissen und das Interesse am Thema bzw. die Eigenmotivation sind.3

Zwar deutet vieles darauf hin, dass die vier Lerntypen nach Vester tatsächlich nicht mehr sind als ein Mythos, trotzdem ist sein Modell hilfreich – zumindest, wenn das Lernen über die Sinneskanäle nicht zum Selbstzweck wird. Es ist eine Erinnerung daran, dass eine gewisse Methodenvielfalt dazu beitragen kann, das Interesse der Lernenden zu wecken und die Aufmerksamkeit zu erhalten.


[1] Vester, Frederic (1975): Denken, Lernen, Vergessen. Was geht in unserem Kopf vor, wie lernt das Gehirn, und wann läßt es uns im Stich? Stuttgart.
[2] Pashler, H., McDaniel, M., Rohrer, D. & Bjork, R.: Learning Styles: Concepts and Evidence. In: Psychological Science in the Public Interest, 9 (2008) 3, S. 103–119. https://www.psychologicalscience.org/journals/pspi/PSPI_9_3.pdf [zuletzt abgerufen am 08.12.2020].
[3] Looß, Maike: Lerntypen? Ein pädagogisches Konstrukt auf dem Prüfstand. Erschienen in: Die Deutsche Schule, 93 (2001) 2, S. 186–189. https://www.lernumgebungen.ch/files/artikel_buecher/maike_loos_lerntypen_2001.pdf [zuletzt abgerufen am 08.12.2020].

Disclaimer
Dieser Beitrag erschien in ähnlicher Form am 08.12.2020 zuerst auf www.aeeb.de.

Kategorien: Bildung