von Corinna Bader, Studentin der evangelischen Theologie (Pfarramt) in der Examensvorbereitung (cand. theol.); Hilfskraft am Lehrstuhl für Praktische Theologie an der Augustana-Hochschule

Um die im Teaser angesprochenen Fragen zu beantworten, wurden drei Accounts von sogenannten Sinnfluencer*innen1 analysiert und einige Beträge inkl. der vorhandenen Interaktionen auf Instagram in den Blick genommen.

Die Plattform Instagram im Allgemeinen

Instagram wurde im Jahr 2010 gegründet und hat seit Anfang 2019 mehr als eine Milliarde Nutzer*innen. Dies macht es hinter Facebook, YouTube und WhatsApp zum viertgrößten sozialen Netzwerk der Welt.Die Besonderheit dieser dem Meta-Konzern angehörenden Plattform im Vergleich zu den anderen ist der Altersdurchschnitt: 71% der Nutzer*innen sind unter 35 Jahren.3 

Ursprünglich stellte Instagram eine reine Foto-Plattform dar, auf welcher ausschließlich Fotos hochgeladen werden konnten.4 Seit einigen Jahren werden die Funktionen stetig erweitert und aktualisiert. Das Alleinstellungsmerkmal sind die sogenannten Storys. Dabei handelt es sich um Fotos oder kurze Videos mit Begleittext, welche nur 24 Stunden abrufbar sind.5 Ein Beitrag besteht somit immer aus einem Foto oder Kurzvideo und dazugehörigem Text. Ähnlich wie bei der Plattform Twitter können Beiträge auch mit Hashtags versehen werden, wodurch Beiträge miteinander thematisch in Kontext gebracht werden.

Des Weiteren gibt es einen Messenger, in dem Nutzer*innen privat Nachrichten versenden können, und einen Feed, der Bilder und dazugehörige Beiträge zeigt, die auch geliked und kommentiert werden können. Durch das sogenannte Liken bringen Nutzer*innen zum Ausdruck, dass ihnen ein Beitrag gefällt. Dargestellt wird dies auf Instagram durch das Vergeben eines Herzens.

Ein Account, also das Profil einer Person auf Instagram, kann von Follower*innen abonniert werden. Diese sehen dann auf ihrem Feed automatisch die in diesem Account veröffentlichten Beiträge. In der Regel wird Instagram per App verwendet, eine Nutzung ist aber auch über den Browser am Laptop oder PC möglich.6 Um mit den Beiträgen interagieren zu können, müssen sich Nutzer*innen allerdings kostenfrei auf der Plattform registrieren.

Exemplarische Analyse einzelner Sinnfluencer*innen-Accounts

Es wurden Beiträge der Accounts von Pfarrer Jörg Niesner (@wasistdermensch), Pfarrerin Ina Jäckel (@dingens.von.kirchen) und Pfarrer Nicolai Opifanti (@pfarrerausplastik) analysiert. Die Betrachtung schloss auch die daraus resultierende Interaktion, wie zum Beispiel Kommentare und Likes, mit ein. Daraus haben sich folgende Ergebnisse ergeben.

Interaktion auf Instagram: Autor*innen

Insgesamt lassen sich bei den exemplarisch analysierten Accounts mehrere Eigenschaften hinsichtlich digitaler religiöser Interaktion auf Instagram feststellen. Auch zur Eigenschaft der Anonymität lassen sich Aussagen treffen.

1. Eine Interaktion mit den Beiträgen erfolgt dann, wenn Autor*innen Persönliches, Gefühle und idealerweise auch eigene Zweifel schildern. Je detailreicher dies dargestellt wird, desto stärker scheint es für die Nutzer*innen einen sicheren Raum zu eröffnen, um selbst Bedenken, persönliche Informationen und Gefühle offenzulegen. Gesetzte religiöse Impulse, die in Alltagsituationen eingebettet sind, werden von den Nutzer*innen auf die eigene Alltagswelt bezogen.

2. Es hat sich darüber hinaus gezeigt, dass längere Beiträge mit komplexen Sätzen nicht mehr Raum für Interaktion bieten. Hier offenbart sich das Gegenteil: Kürzere Beiträge mit einfachen Sätzen und Alltagssprache, die auch überspitzt sein kann, weisen ein Vielfaches an Interaktionen auf. Hierbei kann es hilfreich sein, häufig verwendete theologische Fachbegriffe zu erklären, um damit verständlicher und transparenter zu interagieren und sich für kirchenferne Milieus zu öffnen.

3. Inhaltlich lässt sich hinzufügen, dass Aufforderungen zur Interaktion – zum Beispiel in Form einer Frage – nicht unbedingt angenommen werden. Wichtiger sind vielmehr die Inhalte der Beiträge. Auch Beiträge mit Bildern, die zu den Texten passen, haben eine höhere Interaktion zur Folge. Verwendete Hashtags drücken nicht nur die thematische Zugehörigkeit aus, sondern verweisen auch auf die Zugehörigkeit der beitragsverfassenden Person zu einer digitalen Gruppe, wie beispielsweise der digitalen Kirche.

4. Auffällig ist, dass besonders aufwendige Beiträge – zum Beispiel mit professionell aufgenommenen Fotos oder langen Texten – kaum mehr Interaktionen erzeugten, als einfach gestaltete Beiträge.

Zusammenfassend lässt sich mit Blick auf Sinnfluencer*innen Folgendes sagen: Auf Instagram wird Interaktion durch das Verknüpfen von persönlichen Informationen und Gefühlen mit religiösen Impulsen generiert. Wichtig ist hierbei auch der Bezug zur Lebenswelt der Nutzer*innen. Religiöse Interaktion hängt somit stark mit den jeweiligen Autor*innen zusammen. Es liegt in der Natur der Sache, dass bestimmte Eigenschaften von Interaktion wie Mimik, Gestik oder die Stimme bei klassischen Beiträgen nicht dargestellt werden können, dies wird jedoch durch das Produzieren von Reels oder Stories relativiert, da darin Mimik, Gestik und häufig auch die Stimme eine Rolle spielen. Insofern geht es für Sinnfluencer*innen um einen möglichst persönlichen Kontakt zu ihren Follower*innen, was bedeutet, dass Anonymität keine Eigenschaft von digitaler religiöser Interaktion auf Instagram ist.

Interaktion auf Instagram: Nutzer*innen

Auch seitens der Follower*innen lassen sich Interaktionsmuster feststellen:

1. Nutzer*innen beziehen sich stark auf die Inhalte der Beiträge, greifen hierbei die gesetzten Impulse auf und beziehen diese auf ihre eigene Lebens- und Alltagswelt, sowie ihre Spiritualität. Je mehr in einem Beitrag Gefühle und Zweifel zum Ausdruck kommen, desto stärker werden diese in den Kommentaren gespiegelt. Wenn den Nutzer*innen Nähe und Vertrautheit vermittelt wird, schlägt sich das auch in den Kommentaren entsprechend nieder, wobei oft sehr vertraut mit den Autor*innen interagiert wird. Der Bezug auf die eigene Lebenswelt und den eigenen Glauben wird durch die Kommentare für alle Nutzer*innen einsehbar reflektiert. Hierbei kommt es immer wieder vor, dass Wörter oder ganze Phrasen aus den Beiträgen übernommen werden.

2. Darüber hinaus ist auffällig, dass Nutzer*innen, die beispielsweise selbst Eltern sind, mehr und intensiver mit Accountinhaber*innen interagieren, die über diese Themen schreiben. Nutzer*innen suchen sich somit zum Interagieren Accounts, die auch die eigene Lebenswelt und -realität widerspiegeln.

3. Auffallend ist des Weiteren, dass in den Kommentaren viele Theolog*innen interagieren und sich untereinander austauschen. Somit stellt Instagram auch eine Plattform dar, um sich zu vernetzen und in Kontakt zu treten.

Zusammenfassend lässt sich seitens der Nutzer*innen sagen: Zu großen Teilen wird durch Kommentare interagiert. In diesen werden gegebene religiöse Impulse aufgenommen und vor dem Hintergrund der eigenen aktuellen Situation und Gefühle reflektiert. Dabei werden persönliche Informationen – auch zur familiären Situation – offen geschildert. Häufig sind Klarnamen erkennbar. Darüber hinaus sind teilweise auch die Accounts einsehbar, in denen  Bilder der Person, aber auch Bilder von Familie und Freunden sowie Orte erkenntlich sind. Selbstverständlich trifft dies nicht auf alle Nutzer*innen zu, die mit den Beiträgen interagieren. Weitere Eigenschaften von Interaktion wie Mimik, Gestik und auch die Stimme sind in den Kommentaren nicht erkennbar. Die eigene Religiosität und Spiritualität werden jedoch offen kommuniziert, auch Glaubensfragen und Gefühle werden offengelegt.

Anonymität kann somit, je nachdem wie stark private Informationen im Vordergrund stehen, eine Eigenschaft sein, spielt aber eine eher untergeordnete Rolle auf Social Media. Schließlich muss bedacht werden, dass zur Interaktion auf Instagram ein Account benötigt wird. Letztendlich kann gesagt werden, dass auf Instagram seitens der Nutzer*innen, Anonymität bei der religiösen Interaktion selbst nicht im Vordergrund steht.


Fußnoten

1 Eine offizielle Definition dieses Begriffes gibt es nicht. Sinnfluencer*innen wollen ihre Reichweite sinnvoll nutzen und stellen in den Mittelpunkt ihrer Inhalte die eigene Authentizität. Darüber hinaus ist ihr Ziel, das Denken ihrer Follower*innen positiv zu beeinflussen. Vgl. Benecke, Mirjam: Vom Influencer zum Sinnfluencer, https://p.dw.com/p/3QokS – letzter Zugriff: 25.04.2022.

2 Vgl. Strigl, Peter: Instagram. Alles, was man über die Bilder-Plattform wissen sollte, https://www.tz.de/welt/instagram-insta-filter-storys-follower-likes-influencer-facebook-bilder-13553588.html – letzter Zugriff: 25.02.2022.

3 Vgl. ebd.

4 Vgl. ebd.

5 Vgl. ebd.

6 Vgl. ebd.

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