von Elias Wendebourg

Viele Gemeinden überlegen, sich von ihren Räumlichkeiten zu trennen. Aber es gibt neue Möglichkeiten, die Räume gewinnbringend zu nutzen.

“Das Bistum Hildesheim will bis 2030 etwa die Hälfte seiner rund 1400 Gebäude aufgeben.” Das vermeldete katholisch.de letztes Jahr – und damit dürfte das Bistum Hildesheim nicht alleine sein. Nicht erst in Zeiten drastisch gestiegener Energiepreise steht die Nutzung von Immobilien bei vielen Gemeinden – katholisch wie evangelisch – auf dem Prüfstand. Hohe Instandhaltungskosten stehen dabei oftmals nur partieller Nutzung gegenüber. Gleichzeitig merken viele Gemeinden gar nicht, welchen Schatz sie mit ihren Gebäuden haben – und wie sie den Wert noch heben können.

Co-Working und Gemeinde – geht das zusammen?

Das Konzept des CoWorking – wörtlich übersetzt “nebeneinander arbeiten” oder “zusammenarbeiten” – hat sich in den letzten Jahren mit dem “CoWorking-Space” als “dritten Ort” neben dem klassischen Arbeitsplatz im Betrieb und dem eigenen Zuhause als alternative Möglichkeit des Arbeitens etabliert.

Dabei erfreut es sich immer stärkerer Beliebtheit. In Deutschland hat sich die Zahl der CoWorking-Spaces von 2018 bis 2020 vervierfacht – von 300 auf 1268. Gerade nach Corona ist die Sehnsucht nach einem Raum, in dem sich verschiedene Menschen begegnen, arbeiten und austauschen, stärker denn je.

“Eine der Leitideen von Coworking Spaces ist, dass dort Coworker verschiedenster beruflicher Hintergründe aufeinandertreffen, die die im Space vorhandene Infrastruktur gemeinsam teilen (können). Durch die gemeinsame Nutzung und Interaktion können so Synergieeffekte entstehen, die häufig zu neuen Projekten führen.” Es geht also nicht nur um einen Arbeitsplatz mit nötiger Infrastruktur an. Sondern auch um einen sozialen Raum der Vernetzung, Gemeinschaft und Innovationsförderung.

Insofern hat ein Coworking-Space mit einer Kirchengemeinde mehr gemeinsam, als man zunächst annehmen mag. Sowohl Kirchengemeinde als auch Coworking-Spaces sind Orte der Begegnung und Offenheit, der Nachhaltigkeit, des Zusammenhalts und der Gemeinschaft. Wer hier herkommt, der ist willkommen. Ganz im Sinne der Jahreslosung 2022: “Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.” (Johannes 6, 37)

Coworking-Space aus gemeindeleitender Perspektive

Aus theologischer/gemeindeleitender Perspektive lässt sich sagen:

  • Milieutheoretisch bietet ein Coworking-Space die Chance, auch neue Milieus zu erreichen. Hier sind Menschen im Blick, die bisher nicht im gemeindlichen Fokus standen.
  • Gerade die Gruppe der (jungen) Erwachsenen zwischen 20 und 40 Jahren. die nicht über die Familienthematik angesprochen werden, bekommen ein für sie attraktives Angebot. Hier können sie Kirche erleben, die etwas für sie und ihre Lebenssituation bereithält.
  • Das Angebot ist niedrigschwellig und ermöglicht den Menschen in Kontakt zur Kirchengemeinde zu kommen, ohne sich sofort zu Glaubensthemen verhalten zu müssen.
  • Auch in der Öffentlichkeit wird die Kirchengemeinde durch ein Coworking-Space ganz anders wahrgenommen. Durch die Offenheit des Konzepts wird die Gemeinde zu einem lokalen Treffpunkt im Viertel bzw. vor Ort.
  • Zudem wird die Gemeinde als Ort erlebt, an dem Neues in Gemeinschaft innovativ und kreativ gedacht wird.
  • Theologisch gesehen lebt die Kirchengemeinde im Coworking christliche Gastfreundschaft: “Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt” (Hebr. 13,2).
  • Nicht zuletzt ist die Nutzung von gemeindlichen Räumen als Coworking-Space finanziell attraktiv, weil über die Nutzungsgebühren, Veranstaltungen etc. die Ausgaben hereingewirtschaftet werden können.

Welche und wie viele religiöse Angebote im christlichen Coworking verankert werden, bleibt dabei eine sehr individuelle Entscheidung.

Prominente Beispiele für christliche CoWorking-Spaces

Im deutschsprachigem Raum gibt es bereits einige gelungene Umsetzungen für christliche Coworking-Spaces, die sich in kirchlicher Trägerschaft befinden. Beispiele hierfür sind:

  • Das Kairos13, betrieben von der Evangelische Alt- und Mittelstadtgemeinde Karlsruhe.
  • Die Villa Gründergeist, betrieben vom Bistum Limburg.
  • Das Blau 10, hinter dem die Reformierte Kirche Kanton Zürich steht.
  • Das Mirabell 5, betrieben durch die Erzdiözese Salzburg.

Eine Übersicht zu allen bereits bekannten christlichen Coworking-Spaces gibt es auf der Webseite “Christliches CoWorking”, die aus dem #GLAUBENgemeinsam Hackathon 2021 entstanden ist. Zudem ist 2022 frisch das Buch “Coworking: aufbrechen, anpacken, anders leben” im Vandenhoeck & Ruprecht Verlag mit weiteren zahlreichen Anregungen, Beweggründen und Chancen für christliches Coworking erschienen.

Grundvoraussetzungen für christliche Coworking-Spaces

Grundvoraussetzung für die Schaffung christlicher Coworking-Spaces sind:

  • Offenheit und Identifikation der Gemeinde vor Ort (Selbstverständnis als Kirche im Wandel)
  • Festlegung fester Ansprechpartner
  • Bestimmung passender Räumlichkeiten
  • Machbarkeitsanalyse
  • Klärung von Finanzierung, Eigentum und Betreiber – sowie des Verhältnisses von Gemeinde und CoWorking-Space.
CoWorking auch im ländlichen Raum?

CoWorking sieht sich bisweilen dem Verdacht ausgesetzt, nur ein Angebot für das städtische Publikum zu sein. Tatsächlich spielen Gemeinschaft und Orte des öffentlichen Lebens im ländlichen Raum aber eine besonders große Rolle. Früher war das Dorfzentrum in Form der Dorfkirche, dem “Tante-Emma-Laden” oder der Gaststätte zentraler Ort der Begegnung. Demografischer Wandel, Globalisierung oder die Urbanisierung haben oft zum Verlust dieser Orte geführt. Hier kann ein CoWorking-Space eine konstruktive Antwort auf diesen Verlust sein. Insbesondere die Genossenschaft CoWorkLand hat es sich zur Aufgabe gemacht, Coworking auf dem Land gezielt zu fördern und auszubauen.
Muss es immer gleich Coworking sein?

Vielen Gemeinden mit konventionellem Hintergrund kommt der Schritt vom Gemeinderaum zum Coworking-Space sehr groß vor. Eine Alternative oder ein Zwischenschritt kann hier die Ertüchtigung von Gemeindehäusern zur externen Nutzung sein.

Viele Kirchengemeinden und ihre Räumlichkeiten befinden sich an zentralen Plätzen des jeweiligen Ortes. Oft verfügen sie als einzige/eine der wenigen im Ort über Räumlichkeiten auch in großen Größen, die für Seminare, Tagungen, Feiern etc. geeignet sind. Grundgastronomische Ausstattung ist ebenfalls oft schon vorhanden. Häufig fehlen aber die Mindeststandards der technischen Ausstattung (Beamer, Basis-Licht- und Soundanlage), ein Vermietungs- und auch ein Versicherungskonzept. Zum Teil fehlen auch dekanatsübergreifende, einheitliche Regelungen zur Raunutzung.

Gleichwohl lassen sich diese Herausforderungen problemlos beheben. Die Ausrüstung der Räume mit entsprechender Technik kann oft zum Einheitspreis über entsprechende Ausrüster erworben bzw. installiert werden; auch existieren spezielle Grundvertragsmuster und Versicherungskonzepte. So können die Gemeinderäumlichkeiten unkompliziert zur externen Nutzung ertüchtigt werden.

Neue Chancen für alte Gebäude

Die Räumlichkeiten einer Gemeinde müssen nicht als Last wahrgenommen werden. In den meisten Fällen bergen sie erhebliches Potential. Sowohl als CoWorking-Space als auch bei externer Nutzung können bestehende Räume mit finanziellem Vorteil für die Gemeinde genutzt werden können – und gleichzeitig der Gemeinde weiterhin zur eigenen Verfügung stehen.

Weitere Informationen

Verbände:
Christliches CoWorking: https://christliches-coworking.info
Bundesverband CoWorking: https://www.bundesverband-coworking.de
CoWorkLand: https://coworkland.de/de

Für die Schweiz:
https://coworking.ch/?lang=de

Ausrüster:
AMOS IT: https://amos-it.de/digitale-kirche/christliches-coworking/

Skip to content