Interview mit einer Ordensschwester, die mit 90 Sekunden Videos Klickzahlen im Bereich von mehreren Hundert generiert.
von Alexandra Kohle, AEEB

„Ja, Moin und Hallo“

Mit diesen Worten beginnen die meisten Videos von Schwester Nicole auf ihrem „Sista’s Vlog“ (Video-Blog) auf YouTube. Ihr Markenzeichen dabei … gibt es eigentlich nicht. Schwester Nicole trägt zwar ihre Ordenstracht, aber die ist so unauffällig, dass man sie bei der Kameraeinstellung kaum bemerkt. Im Hintergrund sind auch keine geschnitzten, mit Plattgold verzierten, religiösen Kunstwerke, sondern mal ein paar Bäume, mal ein Sandkasten oder auch ein Haufen mit Hackschnitzeln.
Es sind zwar Videos, aber eigentlich geht es nicht um das, was zu sehen ist, sondern nur um das gesprochene Wort. Es dreht sich alles um die Botschaft und die ist – passend für unsere schnelllebige Gesellschaft – auch noch ausgesprochen kurz: ca. 90 Sekunden und meist mit einem Augenzwinkern versehen. Die Themen der Videos orientieren sich dabei immer am Leben: Es geht ums Vergeben, Freuen, Trauern, die „Sendung mit der Maus“ und besonders oft um Fußball.

Schwester Nicole, Sie sind Ordensschwester der Communität Christusbruderschaft Selbitz, wie um alles in der Welt kommen Sie dazu einen Vlog auf YouTube zu betreiben?

Ich wurde gefragt: „Willst du das nicht machen? Ganz kurz nur: 90 Sekunden?“
Und ich habe gesagt: „Das mach ich natürlich nicht!“ Ich weiß, was 90 Sekunden für ein Aufwand sind a) von der Zeit und b) von der Technik. Zudem fehlte die Technik. Das heißt: Was bei uns hier der neueste Stand der Technik war, war in anderen Firmen wohl schon Ausschussware. Aber dann hat die Landeskirche die technischen Möglichkeiten zur Verfügung gestellt. Am Anfang war das ein iPad, und das war nun ja … ganz eigen. Aber mittlerweile habe ich eine Kamera und ein Funkmikro. Das war schon ein technischer Quantensprung.
Außerdem wurde mir von Anfang an totale Freiheit gewährt. Und was soll ich sagen? Da konnte ich ja nur „ja“ sagen. [lacht]
Wir dachten damals, wir machen das ein Jahr… und jetzt sind es schon fast 2,5 Jahre und über 60 Videos.

Wenn Sie damals bei Ihren ersten Videos schon gewusst hätten, was Sie jetzt wissen, was hätten Sie anders gemacht, bzw. was haben Sie in diesen 60 Videos gelernt?

Naja, die ersten drei, vier Videos waren eher noch ein Ausprobieren mit dem Medium, weil ich auch dachte, das müsse irgendwie staatstragend sein. Aber dann ist mir aufgefallen, dass das ja total unsinnig ist. Es sind nur 90 Sekunden, ich habe nur Zeit für einen einzigen Gedanken. Also, let it go!

Wie entscheiden Sie eigentlich, worüber Sie sprechen wollen, und wie planen Sie Ihre Videos, schreiben Sie z.B. vorher ein Skript?

Ich lese und lese und lese. Ich interessiere mich politisch, denn es ist ja so: Wer für die Welt beten will, muss die Welt kennen.
Und nein, ich schreibe mir dann kein Skript. Das Einzige, was ich mich frage, ist: Mit welchem Satz sollen die Leute nach Hause gehen? Das muss noch nicht einmal ein ausgewörteter Satz sein, es muss nur etwas sein, dass die Menschen mitnehmen.
Was ich aber von Anfang an entschieden hatte, war, dass ich nicht in diesen gegenwärtigen Empörungskanon einsteigen will. Ich wusste: Wenn ich das mit dem Vlog mache, soll es immer eine konstruktive, dem Leben zugewandte Note haben. Deswegen haben meine Videos auch immer einen Ausblick. Das ist mir wichtig – nicht, dass es kuschelig ist, sondern, dass es weniger dunkel ist.

Aktuell ist es ja viel in den Medien, dass Nachrichten, die nicht nur negativ sind, sondern auch Hoffnung oder einen positiven Ausblick enthalten mehr gelesen werden. Und Sie haben das rein instinktiv schon von Anfang an gemacht?

Wir haben nun einmal eine Botschaft des Lebens …

Und was ist die Zielgruppe für Ihre Videos, bzw. Ihre Botschaft?

Ich habe gar keine Zielgruppe. Ein Video muss authentisch und stimmig sein. Und am authentischsten ist es für mich, wenn es nicht adressatenorientiert ist. Denn sonst werden wir so kirchensprechig. Möglicherweise ist das nicht die marktorientierteste Position, aber es ist die, die mir am ehesten Selenfrieden schenkt. [lacht]

Das mit dem „Nicht-Kirchensprechigen“ hat mich tatsächlich überrascht, als ich Ihre Videos das erste Mal gesehen habe. Da steht eine Ordensschwester im Habit, redet über Gott und die Welt, spricht dabei aber ganz normal und nicht in diesem getragenen Sprechrhythmus und dem Vokabular, das meist mit Gottesdiensten und Glaubensbotschaften assoziiert wird. War das Ihr Ziel: die Botschaft des Lebens in der Sprache des Alltags zu verpacken, damit mehr Menschen zuhören?

Mein Ziel ist es, ins alltägliche Geschehen einfach ein Fitzelchen Evangelium reinzubringen. Deswegen finde ich die 90 Sekunden auch so gut, denn da kann ich nur einen einzigen Gedanken sagen – ich will ja auch nicht rumschwafeln. Und bei 90 Sekunden habe ich auch keine Zeit für „und das ist unsere Kapelle und das ist mein Wohnzimmer“; es fehlt einfach die Zeit für ein hohes Maß an Selbstinszenierung – und das gefällt mir sehr gut.

Das scheint überhaupt vielen Menschen zu gefallen, schließlich haben die meisten Ihrer Videos zwischen 300 und 600 Klicks, eines Ihrer Videos ist sogar bei 11.500 Klicks.

Der Sista’s Vlog auf YouTube