veröffentlicht am 13.06.2022
von Linn Loher, Referat für Chancengerechtigkeit in der ELKB & Alexandra Kohle, Projektleiterin Digitale Professionalisierung, AEEB

Gendern: Gerechte Sprache im digitalen Raum

Von vielfältiger Ansprache bis Lesbarkeit für Screenreader – alle ansprechen und niemanden ausschließen.

Sprache ist ein zuverlässiger Spiegel unsere Zeit und unserer Wertvorstellungen. Heute ist es z.B. wichtig, allen Menschen, egal welchem Geschlecht sie sich zugehörig fühlen, höflich und respektvoll zu begegnen. Das betrifft auch Menschen, die sich weder „männlich“ noch „weiblich“ fühlen. Deswegen: Wer gendert, drückt anderen gegenüber Respekt aus und versucht die Welt durch seine Sprache ein klein wenig gerechter zu machen.
Die Rede von Gott in einer heterogenen Gesellschaft erfordert es dringlich, gemeinsam nach einer inklusiven, geschwisterlichen Sprache zu suchen. Eine solche Sprache weiß um das Ausgrenzungspotential von Sprachbildern, Binnensprache sowie impliziten und expliziten Zuschreibungen, die sich in negativer Weise auf Herkunft, Geschlecht oder Religion beziehen, und findet Alternativen. Die Suche nach einer geschwisterlichen Sprache ist eine Aufgabe für die gesamte Kirche.

Gerechte Sprache ist dabei mehr als nur die Wahl einer Kurzform wie Doppelpunkt oder Gendersternchen. Es geht dabei vielmehr um eine Kultur der Achtsamkeit bei der Wahl der Formulierungen. Denn Sprache lenkt unsere Wahrnehmung, wie dieses Beispiel zeigt: „Sie ist unser bester Mann! Deshalb ist die Annahme falsch, mit der Verwendung nur der männlichen Form wären alle, die nicht männlich sind, gleichermaßen mitgemeint und repräsentiert.

Der goldene Weg einer gendergerechten Sprache sind geschlechtsumfassende Formulierungen, wie Neutralisierungen „vertreten durch“ anstatt „Vertreter“, „Teilnahmeliste“ anstatt „Teilnehmerliste“ oder auch Pluralformen z.B. „alle Ehrenamtlichen“ anstatt „jeder Ehrenamtliche“. Der große Vorteil an geschlechtsumfassenden Formulierungen ist, dass sie ohne komplexe Formulierungen das generische Maskulin vermeiden.
Bei der Kombination von leicht verständlicher Sprache und Gendern kommt es darauf an

  1. eine mentale Repräsentation geschlechtlicher Vielfalt herbeizuführen
  2. intuitiv verständlich zu sein
  3. den Regeln der deutschen Standardsprache zu entsprechen
  4. genauso hohen oder geringeren kognitiven Verarbeitungsaufwand erfordern wie rein maskuline Texte

Aber eine geschlechterumfassende Ansprache ist nicht immer möglich. Und gerade, wenn es ums Gendern in digitalen Texten geht, ist „gut gemeint“ nicht immer „gut gemacht“. Denn manche der gängigen Methoden schließen zwar Männer und Frauen ein, grenzen dabei aber Menschen aus, die mit diesem Konzept wenig anfangen können. Außerdem sind nicht alle dieser Methoden einfach zu lesen, wenn die Augen nicht mehr so gut sind oder man auf einen Screenreader angewiesen ist.
Deswegen hier eine Liste der gängigen Methoden mit ihren Vor- und Nachteilen:

  • Gendersternchen/Asterisk, z.B. Mitarbeiter*innen
    Das Gendersternchen wird von vielen Menschen, die sich weder als Mann, noch als Frau einordnen, favorisiert. So sieht z.B. der Queer-Beauftragte der Bundesregierung, Sven Lehmann, in der Nutzung des Gendersternchens ein Zeichen für Anerkennung und Respekt für geschlechtliche Vielfalt. Gleichzeitig bevorzugen auch viele blinde oder sehbehinderte Menschen das Gendersternchen gegenüber dem Gender-Doppelpunkt. Aus diesem Grund empfiehlt auch der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband als Kurzform das Gendersternchen.
  • Doppelte Paarform, z.B. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
    Diese Ausdrucksweise wird von Screenreadern sehr gut gelesen und schließt sowohl Männer, als auch Frauen ein, grenzt aber gleichzeitig Menschen aus, die sich weder als „weiblich“ noch als „männlich“ einordnen.
  • Binnen-I, z.B. MitarbeiterInnen
    Das Binnen-I wird von Screenreadern oft nicht gesondert betont. Ein Screenreader macht keinen Unterschied zwischen Mitarbeiterinnen und MitarbeiterInnen. In diesem Fall ist also nur ein Geschlecht angesprochen.
  • Gender-Doppelpunkt, z.B. Mitarbeiter:innen
    Der Doppelpunt wurde lange als besonders blinden- und sehbehindertenfreundlich empfohlen, mit der Begründung, dass er von Screenreadern standardmäßig als Pause vorgelesen würde. Diese Annahme ist allerdings nicht korrekt. Zum einen handhaben das die Screenreader unterschiedlich, zum anderen stellen viele Menschen ihre Screenreader so ein, dass Doppelpunkte explizit vorgelesen werden, da diese wichtige Funktionen im Satz haben. Außerdem wird von Menschen, deren Sehkraft eingeschränkt ist, berichtet, dass es beim Doppelpunkt zu einem „Verschwimmen“ kommt.
  • Passive Formulierungen, z.B. Mitarbeitende
    Leider artet der Versuch von passiven Formulierungen oft in syntaktisch-zweifelhafte Monstrositäten aus. Sprich: Sätze werden unverständlich.
  • Geschlechtsneutrale Personenbezeichnungen, z.B. Team
    Begriffe wie Lehrpersonal, Putzkraft, Elternteil, & Co ersetzen langsam aber stetig ihr geschlechtsspezifischen Vorgänger. Trotzdem ist es nicht immer leicht, solche neutralen Begriffe zu finden. Die Suche aber lohnt sich, schließlich sind sie ideal für alle Geschlechter und alle, die Screenreader nutzen.
  • Umschreiben mit unpersönlichen Pronomen (jene, alle, etc.) und Adjektiven statt Nomen, z.B. alle, die an xy mitarbeiten
    Diese Methode erfordert ein wenig Übung und gelegentlich klingt das Resultat trotzdem ein wenig holprig. Allerdings wird damit niemand, egal welchen Geschlechts, ausgeschlossen und auch Screenreader haben damit keine Probleme.

Unter den Abkürzungen liegt das Gendersternchen vorne. Sowohl was die Lesbarkeit für blinde und sehbehinderte Menschen betrifft, als auch bei allen, die sich weder als Mann noch als Frau fühlen.
Grundsätzlich sind aber geschlechtsneutrale Umformulierungen zu bevorzugen, da diese nicht nur alle Geschlechter einschließen, sondern auch besser von Screenreadern gelesen werden als das Gendersternchen.

Es ist durchaus möglich, dass sich diese Empfehlung in den nächsten Jahren (oder vielleicht sogar Wochen) wieder ändert. Aber weiterhin gilt: „Gendergerechte Sprache fördert Inklusion und Teilhabe durch sprachliche Wahrnehmung.“ (Koehler & Wahl)


Quellen:
Koehler, Stefanie & Michael Wahl (2021): Empfehlung zu gendergerechter, digital barrierefreier Sprache – eine repräsentative Studie: https://www.bfit-bund.de/DE/Publikation/empfehlung-gendergerechte-digital-barrierefreie-sprache-studie-koehler-wahl.html [zuletzt abgerufen am 06.05.2022].
Tagesschau (2022): Sven Lehmann, Queer-Beauftragter der Bundesregierung, zum Transsexuellengesetz. In: Tagesschau Audios & Videos: https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-1033445.html [zuletzt abgerufen am 10.06.2022]
o.A. (2021) Gendern. In: DBSV Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband e.V.: https://www.dbsv.org/gendern.html [zuletzt abgerufen am 06.05.2022].
Bergmann, Kristin & Thorsten Lichtblau & Carsta Neuenroth & Mirjam Roller & Justine Schuchardt (2020) „Sie ist unser bester Mann!“ Von: Evangelische Kirche Deutschland, Diakonie Deutschland, Brot für die Welt & Diakonie Katastrophenhilfe: https://www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/Sie_ist_unser_bester_Mann_Gendergerechte_Sprache_2020.pdf [zuletzt abgerufen am 06.05.2022].
O. A. (o.J.) Geschlechtergerecht formulieren. In: Viele Facetten. Gender- & diversityfreundlich Medien gestalten: https://www.vielefacetten.at/technik-ingenieurwissenschaften/themenfelder/geschlechtergerecht-formulieren/ [zuletzt abgerufen am 16.05.2022].