veröffentlicht am 01. Juni 2022
von Dr. Jürgen Pelzer, Referent für Fortbildung & Consulting, Diakonie Bayern

„Gewusst Wie“ war gestern: Das „Gewusst Wo“ zählt

Social Media Netzwerke als persönliche und organisationale Ressource nutzen

Der Umgang mit zunehmend komplexeren Rahmenbedingungen ist eine der zentralen (Selbst-) Führungsaufgaben. Landeskirche, Erwachsenenbildung und Diakonie in Bayern stehen im Besonderen vor dieser Herausforderung der VUKA Welt, welche durch die Pandemie noch verstärkt worden ist. Während die Volatilität (Flüchtigkeit), Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität (Mehrdeutigkeit) (= VUKA) stetig zunehmen, steigt gleichzeitig auch das Maß an digital ermöglichter Vernetzung. Diese ist eine historische Chance – sowohl für Organisationen als auch für Personen.

Bereits vor der Pandemie gab es unter den digital affinen Mitarbeitenden ein hohes Maß an formeller und informeller Vernetzung. Facebook-Gruppen wie „Kirche und Social Media“ mit über 5.800 Mitgliedern sind dafür ein gelungenes Beispiel. In diesen Gruppen werden informell viele Informationen, Kniffe und Tipps rund um digitale Anliegen der Mitglieder ausgetauscht.

Seit Corona ist noch die immens gestiegene Austausch- und Vernetzungsmöglichkeit durch synchrone Videomeetings via Zoom, MS Teams, Webex, etc. dazugekommen. War es vor der Pandemie noch notwendig, für ein Treffen einen Raum anzumieten und teils lange Fahrtwege in Kauf zu nehmen, so entfällt das im digitalen Raum gänzlich. Ein Link ist in weniger als einer Minute an alle Interessierten gesendet. Klar, dass die Anzahl an Netzwerken und Austauschforen deutlich zunimmt – auch und gerade außerhalb der Kirche. Ein Trend, den man genauer betrachten sollte:

Vernetzung organisational: Eine Frage der (Über-)Lebensfähigkeit

Diese Erhöhung und Intensivierung der Vernetzungsdichte birgt viele Chancen und kann als ein Kennzeichen der Post-Corona Ära angesehen werden, ebenso wie die Spontanität. Netzwerke bilden sich Bottom Up, spontan, verschwinden teilweise auch wieder. Die Steuerbarkeit nimmt deutlich ab. Die Zunahme an Netzwerken ist aber paradoxerweise auch die systeminhärente logische Antwort auf das Problem der gestiegenen Komplexität. Anders ausgedrückt: Die gestiegene Vernetzung und dem damit erhöhten und schnelleren Informationsaustausch kann mittels noch mehr Vernetzung begegnet werden. Nicht mit weniger. Man könnte ja meinen, eine Reduzierung und Konzentration der Vernetzung ist das Mittel der Wahl, da die Ressourcen begrenzt sind. Entgegen dem mitunter zu hörenden Einwand: „Soll ich meine Zeit jetzt nur mit Netzwerken verbringen?“ ist eine fokussierte Vernetzung in der Tat die Antwort auf gestiegene Vernetzungsdichte als Konsequenz der gestiegenen Komplexität: Der renommierte Experte und Organisationsentwickler Peter Kruse hat oft darauf aufmerksam gemacht, dass Vernetzung als Strategie zwar einerseits unausweichlich ist, wenn man die Innovationskraft, Agilität und Kundenorientierung in einer Organisation erhalten will. Der Seiteneffekt ist andererseits aber der Verlust von Kalkulierbarkeit und Kontrolle. Das bedeutet, dass Organisationen mit einer hierarchischen oftmals siloartigen Organisationsstruktur an ihre Grenzen im Management der Vernetzung stoßen. Neue, agile Formen sind gefragt. Die Dachstiftung Diakonie aus Gifhorn mit ca. 450 Mitarbeitenden hat in den verg. Jahren in diesem Rahmen einen sehr interessanten Prozess hin zum KGU (kollegial geführten Unternehmen) durchlebt. Entscheidendes Arbeitsinstrument dabei war ein Social Intranet (in diesem Fall COYO), in welchem die Vernetzung innerhalb des Unternehmens die leitende Strategie war. Gruppen und Workspaces mit teilweise offenen und teilweise geschlossenen Bereichen bilden die Informations- und Kommunikationsbasis im Unternehmen. Im Organisationsaufbau und in der Entscheidungsfindung bilden sog. Kreise eine zentrale Rolle. Ohne an dieser Stelle zu tief auf das Modell einzugehen (bei Interesse schreiben Sie uns gerne an), wird schnell deutlich, dass Vernetzung (und letztlich auch digitale Transformation) kein Add-On ist, kein neues Werkzeug neben anderen, sondern einen Kulturwandel im Unternehmen mit sich bringt, der fundamentalerer Natur ist. Dies war auch die Erfahrung der Dachstiftung Diakonie: Eine technisch noch so gut begleitete Einführung eines digitalen Tools, welches z.B. Vernetzung ermöglicht, ist ohne eine parallele Bearbeitung der Unternehmenskultur hin zur Agilität (New Work / WOL) nicht erfolgreich.

Ein sehr prominentes und inspirierendes Beispiel für Vernetzungsarbeit ist die Arbeit des Verbandes für Digitalisierung in der Sozialwirtschaft VEDISO e.V.: Die technische Ebene der Sicherung der Informationsflüsse und Gewährleistung der Vernetzung bildet eine QUAIVE Plattform. Viel wichtiger ist aber der strategische Angang: Angelehnt an die Strategie der Sprints aus der Agilität werden Themen (z.B. E-Learning, Innovation etc.) in offenen Sprints (z.B. 2–4 Online Meetings in 6–8 Wochen) bearbeitet und die Ergebnisse aus diesen Sprints gemeinsam gesammelt. Dieses Verfahren ist höchst effektiv und garantiert eine sehr genau Passung der Lösungen und Informationen.

Konkret erprobt die Diakonie Deutschland gerade das Social Intranet COYO (EASY), die ELKB arbeitet mit dem Intranet, der auf Nextcloud basierenden ELKB-Cloud sowie teilweise MS Teams, der Verband für die Digitalisierung in der Sozialwirtschaft (VEDISO) nutzt die QUAIVE Cloud zum Austausch … Diese Liste ließe sich noch beliebig erweitern. Sie zeigt aber, dass die Erhöhung der Vernetzung in der eigenen Organisation den großen Vorteil bietet das sog. unsichtbare Wissen der Mitarbeitenden endlich greifbar und nutzbar zu machen – um den Preis der Kontrollierbarkeit und auch in weiten Teilen der gewohnten Steuerbarkeit.

Vernetzung persönlich: Schwarmintelligenz gezielt nutzen

Aber auch im persönlich-professionellen Bereich kann Vernetzung hilfreich sein, um der VUKA Welt zu begegnen: Der Didaktiker Peter Baumgartner hat das Phänomen einmal so beschrieben: Neben dem „Know How“ (verstanden als Soft- und Hard Skills) zählt in einer VUKA Welt zunehmend das „Know Where“, also die Möglichkeit in dem persönlichen digital gespannten Personennetz schnell zu einem gewissen Problem jemanden zu finden, der sich damit erfahrungsbasiert auskennt. Facebook Gruppen (aber auch andere Plattformen) sind hierfür prädestinierte Orte, aber zunehmend auch Linked-In bzw. XING, wobei letzteres im kirchlichen Bereich zunehmend an Bedeutung zu verlieren scheint.

Inspirierend kann an dieser Stelle ein Blick auf den freien Fortbildungsmarkt sein: Freiberufliche Trainer*innen haben unter der Pandemie sehr gelitten. Um trotz der widrigen Bedingungen im Geschäft zu bleiben, waren durchaus auch Gruppen in sozialen Netzwerken hilfreich: Zwei Beispiele (auf Facebook) wollen wir im Folgenden etwas genauer anschauen. Hinweis: Falls Sie an dieser Stelle denken, Facebook sei doch schon länger tot: Nein. Was wohl stimmt ist, dass die Nutzung zurückgeht und es bei den Jüngeren „out“ ist.

Tanja Köster, die sich als Trainerin auf den Bereich Kindergarten und Kindergartenleitungen spezialisiert hat, bietet in Facebook eine Gruppe „Kita-Leitung Community“ an, in der sich über 3.500 Mitglieder austauschen. Dort kann und wird sehr schnell auf aktuelle Fragestellungen reagiert. Langfristige Fortbildungsbedarfe kristallisieren sich heraus und Frau Köster kann viel genauere Angebote erstellen, während die Mitglieder eigentlich immer sofort einen kollegialen Resonanzkreis für Ihre Anliegen haben.
Marit Alke unterstützt Menschen darin, gute Onlinekurse anzubieten. Ganz offen wirbt sie auf ihrer Homepage mit drei Facebook Angeboten: Der Facebook-Gruppe „Onlinekurs-Einsteiger“ für alle, die gerade anfangen. Die Facebook-Gruppe „Erfolgreich mit Onlinekursen“ für den Austausch unter Onlinekurs-Entwicklern, in der sich z.B. über 4.600 Personen austauschen. Eine Fundgrube an Trends, Techniktipps und Co. Dazu bietet sie noch persönliche Vernetzung mit ihr auf Facebook und LinkedIn an.
Überhaupt ist eine Vernetzung auf persönlicher Ebene in Facebook und/oder LinkedIn hilfreich. Hinzu kommt aber der große Mehrwert des Austausches mit Kolleginnen und Kollegen (gerade über das Kirchenmilieu hinaus) in Facebook und sonstigen Gruppen. Facebook hat aufgrund seines frühen Starts dabei mehr Gruppen zu bieten als etwa XING und LinkedIn. Aber eine Recherche nach Stichworten des eigenen Arbeitsbereiches lohnt sich in allen Netzwerken.

Hier haben wir eine Aufstellung spannender Gruppen vorgenommen.

Sie haben noch einen Tipp? Sie haben selber ein spannendes Thema für einen Beitrag: Kontaktieren Sie uns, das Digitalportal lebt von Ihren Erfahrungen und Ihrem Wissen: Sharing is Caring!
kontakt@elkb-digital.de


Links aus dem Artikel
Peter Kruse: https://www.nextpractice.de/kruse/
Peter Baumgartner: https://www.peterbaumgartner.at/
Website Tanja Köster: https://tanjakoester.de/
KITA Leitung Community: https://www.facebook.com/groups/236580557128495
Website Marit Alke: https://www.marit-alke.de/
Erfolgreich mit Onlinekursen: https://www.facebook.com/groups/597738243605782